tend auf sich selbst. »Aber, verdammt noch mal, ich liebe Sie wirklich! Der Rest ist irrelevant.«

Sie wandte sich ab und bedauerte, es gesagt zu haben, war aber auch froh, daß die Wahrheit heraus war. Sie erinnerte sich an Bunny, aber sie war nicht Bunny. Wenn er sie verließ, würde sie keinen Selbstmord begehen. Sie würde weitermachen, ihre Mission vollenden. irgendwie.

Er nahm sie in die Arme und küßte sie, und dann brauchte sie keine weitere Erklärung.

Tamme wurde stärker, aber deswegen fühlte sie sich unbehaglich. In ein paar Tagen konnte sie schneller laufen als Veg und ihn im spielerischen Zweikampf besiegen. Sie versuchte, sich zurückzuhalten und ihn die Oberhand gewinnen zu lassen, aber er wollte das nicht zulassen.

»Ich will, daß du gesund bist«, war alles, was er sagte.

»Aber wenn ich einmal mein volles Leistungsvermögen zurückgewonnen habe, wird auch die Gefühlskontrolle wieder da sein«, sagte sie. »Ich werde in der Lage sein, bei dir zu bleiben oder dich zu verlassen - genau wie vorher.«

»Ich liebe dich«, sagte er. »Darum will ich dich nicht als Krüppel. Ich habe dich erlebt, wenn du die Agentenmaske nicht trägst, und das genügt mir. Wir wußten immer, daß es zwischen uns nichts Dauerhaftes geben würde. Wenn du wieder voll da bist, wird es vorbei sein. Ich werde niemals sagen, daß es die Sache nicht wert war.«

Ihr Gesicht war feucht, und sie stellte fest, daß sie wieder weinte. Sie weinte zuviel in diesen Tagen, so als ob sie die Zeit als tränenlose Agentin nachholen wollte.

»Veg. ich will nicht so sein wie vorher. Es ist mir e-

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gal, wie schwach ich bin, wenn es nur bedeutet, daß ich bei dir bleiben kann.«

Er schüttelte den Kopf. »Auf Paleo hatte ich einmal mit Cal Streit - und 'Quilon ebenfalls. Sie fühlte sich elend, und ich war bei ihr und wir dachten, es sei Liebe. Es war keine. Wahre Liebe braucht keine Schwäche und kein Elend. Ich werde diesen Fehler nicht noch mal machen.«

»Aber als ich stark war, sagtest du.«

»Du kannst so stärk wie Samson sein, es ist mir egal.«

»Bitte.«

»Für einen normalen Mann bin ich stark«, sagte er. Er nahm einen fast drei Zentimeter dicken Stock hoch, klemmte ihn zwischen die Finger einer Hand und spannte seine Muskeln an. Der Stock zersprang in drei Stücke. »Aber ich brauche Menschen. Ich brauche Cal und 'Quilon und dich. Du hast niemanden gebraucht.«

Tamme nahm einen anderen Stock und zerbrach ihn auf die gleiche Weise. Die Fragmente flogen in die Luft und landeten in der Form eines Dreiecks auf dem Boden.

»Ich bin auch stark, aber jetzt brauche ich dich. Morgen jedoch?«

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich kann nur für heute leben. Das mag alles sein, was wir haben. Bei Agenten ist es genauso, nicht wahr?«

Sie zog das Messer hervor, das sie bei sich trug. »Wenn ich mir das wieder in den Kopf bohre, würde es vielleicht.«

Er schlug ihr das Messer aus der Hand. »Nein! Was sein muß, muß sein!«

Sie gab nach, weil sie wußte, daß er recht hatte. »Dann liebe mich hier und jetzt!« sagte sie und drängte sich in seine Arme. »Was wir heute versäumen, mag

morgen niemals wiederkommen.«

Selbst die Einheimischen wußten, daß es zu Ende ging. Veg schnitt und schleppte gewaltige Mengen von Nebel heran, um eine neue Mauer für ihr Vieh zu bauen, und Tamme ging mit den Kindern durch den Wald spazieren und beschützte sie vor den wilden Raubtieren, die dort lauerten. Es war vielleicht die einzige Kostprobe fraulicher Tätigkeit, die sie jemals kennenlernen würde.

An dem Tag, an dem Tamme, mit der zynischen Urteilskraft einer Agentin, die Entscheidung traf, daß sie neunzig Prozent ihres Leistungsvermögens zurückgewonnen hatte, luden ihre Gastgeber die Nachbarn zu einer Party ein. Sie aßen Nebelköstlichkeiten, sangen nasale Nebelhornlieder und spielten mit den Hexaflexa- gons, die Veg machte, und auf einfache Weise war es sehr lustig.

Am Abend machten sie und Veg einen Spaziergang und hielten sich dabei an den Händen wie ein junges Liebespaar.

»Eine Sache beschäftigt mich«, sagte er. »Tamme Zwei könnte dich getötet haben, nicht wahr? Als du nach unten fielst und sie dir das Messer verpaßte, wandte sie sich einfach ab. Ich war mir nicht sicher, wer von euch beiden gewonnen hatte. Aber sie konnte uns unterscheiden - ich nehme an, aufgrund unserer Reaktionen und weil ich noch immer die Fesselmale an mir hatte. Sie sah mich an, haargenau wie du, nur irgendwie schärfer - schon vor dem Kampf warst du ein bißchen sanfter geworden -, und sie sagte, daß ich der Feind sei. Ich nehme an, daß sie mich umbringen wollte und sich deswegen ganz bestimmt verflucht wenig Gewissensbisse machte, aber mein Double wollte es ihr nicht gestatten.« Er machte eine Pause und lächelte bei der Erinnerung. »Weißt du, auf gewisse Weise mag ich den Burschen. Er hat Mut und Charakter. Er erzählte mir während des Kampfes, daß er bei seiner eigenen Tamme bleiben müßte, sich aber wünschte, daß Tamme Zwei mehr wie du sei und hoffentlich so werden würde. Es war also nicht nur das Messer in deinem Kopf, das dich verändert hat. Du warst schon vorher auf dem Weg dazu.

So projizierten sie sich weg, und ich ging nach unten, um dich zu suchen. Ich war fest davon überzeugt, daß du tot warst.

Aber du hingst an einer Querstange mit diesem Messer in der Hand. Ich nehme an, du hattest es dir irgendwie rausgezogen. Du hast kaum geblutet.«

»Agenten sind zäh«, sagte sie. »Ich schnitt den Blutstrom ab und fiel in einen Zustand, den wir Reparaturschock nennen. Ich kann mich nicht daran erinnern, der Prozeß vollzieht sich automatisch. Tatsächlich aber war die Verletzung zu schwer. Ohne Hilfe hätte ich nicht überlebt.«

»Ja. Ich brachte dich nach oben und projizierte uns hierhin. Und die Leute hier begriffen. Sie waren großartig! Aber wieso ist Tamme Zwei nicht nach unten gestiegen, um dir endgültig den Rest zu geben?«

»Das hätte sie tun sollen. Ich glaube, es muß sie gestört haben, sich selbst zu töten - selbst ihr alternatives Ich. Ich weiß, daß ich wenig Neigung dazu verspürte. Deshalb tat sie das Allernötigste und überließ alles andere der Natur. Vielleicht ist sie - wie ich - weiter auf dem Weg zur Normalität fortgeschritten, als wir annehmen. Die Chancen standen trotzdem gegen mein Überleben.«

»Das stimmt wohl, nehme ich an. Wenn uns die Nebelleute nicht aufgenommen und ihren Doktor geholt hätten. Du hättest ihn sehen sollen, wie er mit dieser

Nase seine Stiche setzte - keine menschliche Hand könnte damit konkurrieren. Nun, ich würde es dir nicht gewünscht haben, aber ich bin froh, daß ich Gelegenheit bekam, Bunny kennenzulernen.«

»Wen?«

Er antwortete nicht. Ihr Wahrnehmungsvermögen entsprach wieder der Norm. Sie konnte das vorübergehende Trauma lesen, das ihn schüttelte, die Erkenntnis, das Bunny - und alles, für das sie stand - unterdrückt worden waren.

»Wir können hier nicht länger bleiben«, sagte Tam- me.

»Richtig«, sagte er schwer. »Du hast eine Mission. Du mußt zurück zur Erde und Bericht erstatten.«

Sie las seine Resignation. Er wußte, daß er sie aufgab sein Gewissen zwang ihn dazu. Aber es gab etwas, was er nicht wußte.

»Ich erinnere mich. an einiges«, sagte sie.

»Spiel nicht mit mir!« schnappte er. »Ich will keine Schau.«

»Du wolltest den Mond.«

»Ich wußte, daß ich ihn nicht bekommen konnte.«

»Du hast mir das Leben gerettet. Das wird nicht vergessen werden.«

»Warum nicht?« knurrte er. »Der Computer wird es sowieso auslöschen.«

Sie kehrten zum Nebelhaus zurück. Sie aktivierte den Projektor, und sie waren auf dem Basar.

Die Menge drängte sich überall, wogte an den Ausstellungsständen vorbei. Menschen, Fast-Menschen, Kaum-Menschen und Fremde mischten sich zwanglos untereinander, Ellenbogen rempelten Tentakel an, Schuhe folgten den Spuren von Zangenfüßen. Augäpfel starrten auf Antennen, Münder unterhielten sich mit Bauchhöhlen. Froschäugige Außerirdische feilschten um humanoide Puppen, während Frauen Zentaurenschwänze für Besen kauften. Maschinen unterschiedlicher Spezies vermischten sich mit den lebenden Kreaturen, und wandernde Pflanzen inspizierten exotische Düngemittel: Pferdemist, Fledermausguano, aufbereiteten Kanalschlamm.

»He, da ist ein Manta!« rief Veg und winkte.

Aber es war ein fremder Manta, mit leicht unterschiedlichen Proportionen und Reaktionen, und er ignorierte ihn.

Sie wanderten unter den übrigen umher und hielten nach dem Projektor Ausschau. Dann begegnete Tam- mes Blick dem eines Mannes: ein terrestrischer Agent einer Serie, die der ihren sehr nahe war.

Er kam sofort herüber. »Ehr sied gerode gekummen? Treffen om Wellendum.« Er zeigte in die Richtung und entfernte sich.

Veg starrte hinter ihm her. »War das nicht Taler?«

»Möglich. Mit Sicherheit SU-, TA- oder TE-Serie, aber nicht aus unserem Gefüge.«

»Nehme ich auch nicht an«, stimmte er kopfschüttelnd zu. »Hörte sich an wie das Kauderwelsch zwischen dir und dem Maschinenstock. He, das ist eine gute Örtlichkeit, um die Linse loszuwerden.«

»Das ist wahr«, gab sie ihm recht. Sie holte sie hervor und schnippte sie in einen Sack mit Libellenkrebsen, von denen sie einer augenblicklich verschluckte.

»Der Feinschmecker, der den Krebs verspeist, wird eine Überraschung erleben«, sagte Veg kichernd. Dann wurde er ernsthaft. »Was machen wir jetzt? Es mögen Tausende von Agenten hier sein. Wir können nicht gegen sie alle kämpfen!«

»Ich habe den Geschmack am Kämpfen verloren.« Er sah sie an. »Dann bist du noch nicht wieder völlig hergestellt. Trotzdem müssen wir irgend etwas tun.«

»Wir gehen zum Wellendom.«

»Ich fühle mich schwindlig«, knurrte er.

Der Wellendom war ein monströser gefrorener Springbrunnen, dessen herabstürzende Wasser, obwohl stationär, weder kalt noch starr waren. Tamme teilte sie wie einen Vorhang und trat in einen aufgewühlten Ozean, dessen Wellen die Textur von gallertartigem Plastik hatten. Die Oberfläche gab unter ihrem Gewicht leicht nach, nahm hinter ihnen aber wieder ihre unsprüngliche Form an.

Auf den Schaumkronen in der Mitte hatte sich eine Anzahl von Tammes, Vegs, Talers, Aquilons und Cals niedergelassen. Von draußen kamen weitere herein, genau wie sie und Veg es getan hatten.

»Geut, fongen wer on«, sagte ein Taler. »Konn ech mech verstendlech mochen?«

»Zehmlech geut«, erwiderte ein anderer Taler. Ein allgemeines Murmeln der Zustimmung wurde laut.

»Brauchst du eine Übersetzung?« fragte Tamme Veg. »Er hat den Vorschlag gemacht, anzufangen, und gefragt, ob er sich verständlich machen kann. Der andere hat gesagt.«

»Ich habe es gehört«, grollte Veg. »Ich kann es verstehen, ziemlich gut.«

»Das war das, was der andere sagte.«

Sie konzentrierte sich auf den Sprecher und paßte ihre auditiven Reflexe einmal mehr so an, daß die Sprache für sie ganz normal wurde.

»Wir alle wissen, warum wir hier sind«, sagte der Taler-Vorsitzende. »Dies hier ist zufällig ein zentraler Kreuzungspunkt für eine Anzahl von Alternativschleifen. Nun können wir nicht bis in alle Ewigkeit ziellos immer weiter wandern. Wir müssen zu einer Art Entscheidung kommen. Kämpfe zwischen uns sind sinnlos - wir sind uns alle weitgehend so ähnlich, daß der Zufall zum ent- scheidenden Faktor würde. Wir müssen uns vereinigen oder zumindest zu einer gemeinsamen, konkurrenzfreien Politik kommen, die den Interessen der Mehrheit am besten dient. Diskussion?«

»Angenommen, wir werfen alles in einen Topf?« sagte eine Tamme. »Wenn wir verschiedene Alternativwelten repräsentieren, könnten wir in der Lage sein, genug Informationen über unsere wirklichen Feinde zusammenzubekommen, um alle einen Nutzen davon zu haben.«

»Nicht eigentlich«, sagte Taler. »Wir sind einander so ähnlich, daß wir an einer gemeinsamen Ursprungsquelle divergiert sein müssen, etwa zu dem Zeitpunkt, als die drei Agenten die drei Normalen auf Paleo gefangennahmen. Einige von uns haben Vergleiche angestellt - bis zu diesem Punkt scheinen unsere Erfahrungen identisch zu sein. Danach teilen wir uns offensichtlich in drei Hauptlinien auf; in jedem Fall werden die drei Normalen von einem Agenten in das Wüstengefüge begleitet, von Taler, Taner oder Tamme. Jede dieser Linien teilt sich in drei Sublinien auf, wenn jener Agent das alternative Kleeblattmuster mit einem Normalen betritt. Neun Variationen. Jedoch.«

»Das setzt voraus, daß die Realität divergent ist«, stellte ein Cal klar. »Ich habe den Verdacht, daß das Gefügesystem entschieden komplexer ist. Es sieht so aus, als ob alle Alternativwelten zu allen Zeiten existieren, voneinander getrennt durch den Bruchteil einer Sekunde. Deshalb sind wir nicht exakt parallel zueinander, und unsere scheinbare Einheitlichkeit früherer Erfahrungen ist illusorisch.«

Taler antwortete nicht sofort. »Sie bringen mich von meiner Linie ab«, sagte er dann, wobei allgemeine Heiterkeit aufkam. »Nennen wir unsere einheitliche Herkunft also einen fiktiven Bezugspunkt der Konvenienz, weitgehend vergleichbar mit dem Hexaflexagon, das eine unzulängliche, aber nützliche Analogie und Leitlinie ist. Fraglos sind wir am besten beraten, wenn jeder auf seine eigene Alternativwelt zurückkehrt - wenn wir sie finden können. Können wir Einigkeit über den Inhalt des Berichts erzielen, den wir unseren Heimatwelten geben müssen?«

»Finger weg von der Alterkeit!« rief Veg laut und überraschte damit Tamme, die inmitten dieser Ansammlung von Doubles gar nicht auf ihren eigenen Veg geachtet hatte.

Donnernder Applaus wurde laut, vor allem auf Seiten der Normalen. Der Cal, der das Gefügesystem-Konzept verdeutlicht hatte, nickte Veg zu, als ob sie alte Freunde wären, und mehrere Aquilons lächelten warmherzig.

»Ich glaube, das faßt die Empfindungen dieser Gruppe zusammen«, bemerkte Taler und lächelte dabei selbst. Er erschien entspannter und menschlicher, als er sein sollte, ganz so als ob er schon zu weit von seiner ursprünglichen Konditionierung abgewichen war. »Wie können wir aber nun sicher sein, daß die richtigen Paare auf ihre Welten zurückkehren? Oder macht das überhaupt einen Unterschied?«

»Wir müssen wieder aus demselben Gefüge heraus, in dem wir angekommen sind«, sagte eine Aquilon.

»Wir haben hier zwölf Paare - eins von jedem Startpunkt. Es sollte aufgehen.«

Taler schüttelte den Kopf. »Es geht eben nicht auf. Zwölf Paare, neun Kombinationen: Drei wiederholen sich. Die zusätzlichen Paare sind alle männlich-weiblich, also haben wir hier sieben Paare männlich-weiblich, vier männlich männlich und eins weiblich-weiblich. Nun.«

Das Tamme/Aquilon-Paar stand dicht beieinander.

»Wollen Sie andeuten.«

»Keineswegs, meine Damen«, sagte Taler schnell.

»Ich stelle lediglich fest, daß es hier eine Vorliebe zugunsten männlich-weiblicher Paarungen zu geben scheint - und doch würden sich nach der Wahrscheinlichkeit nur vier solche Paare aus jeweils neun Möglichkeiten ergeben. Dies läßt darauf schließen, daß unsere Versammlung hier eine Auswahl aus einem größeren Pool ist. Es muß Hunderte von Paaren geben, die in beiden Richtungen unterwegs sind. Wir repräsentieren einen ausgewählten Querschnitt.«

Veg blickte zu dem Tamme/Aquilon-Paar hinüber.

»So eine hübsche Zusammenstellung sieht man auch nicht alle Tage«, murmelte er.

»Also kann sich eine unendliche Anzahl in der Tretmühle befinden«, sagte eine andere Tamme. »Wir können es uns selbst ausrechnen, aber das ist gerade ein Bruchteil. Nutzlos.«

»Und doch gibt es ein Gefüge für jedes Paar - irgendwo«, stellte ein Tarier fest. »Ein Verhältnis von eins zu eins. Kein Grund, sich zu bekämpfen.«

Die Tamme stimmte ihm nicht zu. »Wir können unsere exakten Alternativwelten nicht bestimmen oder garantieren, daß es die anderen tun werden. Einige würden verfehlt werden, andere würden von einem halben Dutzend von Paaren erreicht werden. Genau wie wir uns hier an dieser Stelle verdoppelt wiederfinden. Dadurch geht die Gleichheit der Alternativwelten zum Teufel. Einige Regierungen werden etwas unternehmen, egal was wir berichten. Dann.«

»Dann Krieg zwischen den Gefügen«, murmelte Tamme vor sich hin und hörte, daß die anderen zu derselben Schlußfolgerung kamen. Natürlich arbeitete der Verstand aller Agenten ähnlich.

»Wessen Welt würde überfallen werden?« fragte Taler rhetorisch. »Meine? Eure? Ich kümmere mich nicht um die anderen, aber ich will, daß meine eigene in Ruhe gelassen wird, selbst wenn ich nicht dorthin zurückkehre.«

»Wir können nicht garantieren, daß irgendeine Alternative in Ruhe gelassen wird«, sagte die Tamme. »Sobald eine Regierung das Ausbeutungspotential der Al- terkeit erkennt, ist die Zündschnur gelegt. Wir alle kennen unsere Regierungen.«

»Omnivoren!« rief eine Aquilon aus tiefstem Herzen. »Reißende Omnivoren!«

»Wir sind auch Omnivoren«, sagte Taler. »Tief in unserem Inneren sind wir alle Killer.« Er hob den linken Arm: Er trug lange Ärmel, aber jetzt rutschte der Stoff nach unten, um einen Stumpf zu enthüllen. Sein Arm war am Ellenbogen amputiert worden. »Ein alternativer Taler hat mir das angetan - mein eigenes Ich! Ich hatte Glück, mit dem Leben davonzukommen, und brauchte danach einige Zeit, um mich wieder zu erholen. Wenn meine normale Begleiterin nicht gewesen wäre.« Er lächelte und blickte eine andere Aquilon an, die leicht verlegen die Augen niederschlug. »Nun, klären wir das doch mal an Ort und Stelle. Wie viele Paare haben auf dem Weg hierher ihre Doubles getroffen?« Alle Hände gingen nach oben. Taler nickte. »Das dachte ich mir. Viele von euch verbergen ihre Verletzungen gut, aber jeder Agent hier hat einen Kampf gegen sein exaktes Ebenbild verloren, stimmt's?«

Es gab Zustimmung.

»Jeder erlitt eine Kopfverletzung - eine schwere?«

Wiederum Zustimmung.

»Wir repräsentieren die natürliche Auswahl unter jenem Bruchteil von Kreislaufwanderern, die auf ihre Doubles gestoßen sind - und verloren haben. Die Genesungsphase hat zu einer Zeitverzögerung geführt. Wir wissen es also aus erster Hand: Wir sind Omnivoren, die sogar sich selbst vernichten. Und doch scheint der Mann-Frau-Aspekt die Überlebenschance erhöht zu haben, so als ob über unser Leistungsvermögen hinaus noch etwas anderes im Spiel gewesen wäre. Vielleicht besitzen wir doch ein paar versöhnende Eigenschaften.« Er unterbrach sich. »Und wie viele von uns. erinnern sich?«

Die Hände aller Agenten gingen nach oben, auch die Tammes. Veg wandte sich ihr zu. Er war halb verblüfft, halb wütend. Überall standen die anderen Normalen ihren Agenten mit derselben Frage gegenüber. Selbst die Aquilon des Taler-Vorsitzenden war aufgesprungen, ihr hübscher Mund zu einer Anklage geöffnet.

»»Du erinnerst dich?«

Veg sah die einheitliche Reaktion. Plötzlich lachte er, und die anderen taten es ihm gleich.

»Warte, bis ich dich allein erwische!« sagte er.

»Wir sind nicht mehr so, wie wir waren«, übertönte Taler den Lärm. »Wir haben verloren - aber wir haben auch gewonnen. Ich sage der Welt, ich sage der Alter- keit: Ich erinnere mich an Budge, den einsamen Waisenjungen, der ökonomisch für unrettbar erklärt wurde. Ich bin Budge.«

Tamme starrte ihn an. Taler war normal geworden!

Überall im Wellendom starrten ihn die anderen an.

»Aber ich bin auch Taler«, fuhr der Agent fort. »Vom unfähigen Normalen zum fähigen Agenten umgewandelt, Veteran mit sieben anonymen Missionen, Mörder von Menschen, kunstvoller Lügner, Liebhaber, Philosoph.«

»Amen!« sagte seine Aquilon. »Ich erinnere mich sowohl an den Himmel als auch an die Hölle«, fuhr Taler fort. »Ich bin Himmel und Hölle und jetzt Fegefeuer

-wie wir alle.«

»Das ist faszinierend, und es wäre interessant, unsere Erfahrungen zu vergleichen«, sagte eine alternative

Tamme. »Aber wir müssen unsere Missionen beenden. Oder uns darüber einig werden, es nicht zu tun.«

Taler nickte. »Wenn niemand zu einer gegebenen Welt zurückkehrt, ist es unwahrscheinlich, daß die Regierung weitere Agenten bei einem so riskanten Forschungsunternehmen aufs Spiel setzt. Paleo ist, bedingt durch die Gegenwart der Mantasporen, nicht sicher. Auf der Wüstenwelt gibt es die bekannte Bedrohung durch die verwilderten Maschinen und die unbekannte Bedrohung durch die Funkenwolke. Solange sie keinen Hinweis darauf haben, was jenseits der Funken liegt, werden sie die Sache nicht weiter verfolgen. Es wäre nicht ökonomisch.«

»Falls niemand zurückkehrt.« Ein weiteres allgemeines Murmeln.

Der Cal sprach wieder. »Die Angelegenheit ist akademisch. Die Wahl liegt nicht bei uns. Wir wurden durch Mustereinheiten in dieses System von Gefügen versetzt, und wir haben buchstäblich keine Chance, unsere Ursprungswelten - Wüste, Paleo oder Erde - ohne die Beihilfe dieser Einheiten zu lokalisieren. Wir befinden uns in ihrer Gewalt, nach ihrem Belieben auf diesen Welten gefangen.«

Taler blickte sich um. Er seufzte. »Kann das jemand widerlegen?«

Niemand konnte es.

»Dann schlage ich vor, daß wir zu unseren Eintrittspunkten in dieses Alternativwelt-Muster zurückkehren, uns wieder zu unseren ursprünglichen Begleitern gesellen und auf das Belieben der Funkeneinheiten warten. Sie scheinen uns vor uns selbst beschützt zu haben, und vielleicht ist das am besten.«

»Aber was ist, wenn wir irrtümlich zu den falschen Begleitern zurückkehren?« fragte seine Aquilon.

»Dann, meine Liebe, werden wir sie so behandeln wie unsere richtigen Begleiter. Wir haben genug Mißverständnisse und genug Gewalt gehabt.« Er sah sich um und entdeckte keinen Widerspruch. »Versammlung beendet.«

Veg wandte sich an Tamme. »Aber warum hat uns diese andere Tamme angegriffen? Wenn sie bei diesem Treffen oder einem ähnlichen - gewesen ist, muß sie gewußt haben, daß durch einen Kampf nichts zu gewinnen war.«

»Ihr Treffen war anders als unseres«, sagte sie. »Sie hatten keine Verletzungen in Kämpfen mit ihren Doubles davongetragen, und vielleicht waren auch keine Cals da, um die Sachlage klarzustellen. Sie müssen beschlossen haben, daß jedes Gefüge für sich selbst zu sorgen hat. Es muß viele von dieser Sorte geben, immer noch darauf aus, die Konkurrenz zu eliminieren - genau wie ich am Anfang. Bevor ich normal wurde.«

»Ja.« Er sah sich um. »Gehen wir.«

»Willst du nicht mit Cal und Aquilon plaudern?«

»Schon, aber ich habe Angst, daß du wieder mit dem falschen Veg losziehst.«

Sie lachte, erkannte jedoch, daß er es gar nicht lustig fand. Die Gegenwart seiner Freunde, von denen er wußte, daß es nicht seine Originale waren, machte ihn nervös.

Sie mußten warten, bis sie mit der Benutzung des Projektors an der Reihe waren. Tatsächlich gab es hier viele Projektoren, aber die übrigen waren auf andere Schleifen ausgerichtet, und weitere Erkundungen schienen sinnlos zu sein. Der Basar war während der Wartezeit jedoch faszinierend.

Dann hindurch zum

Klettergarten, wo es diesmal zu keiner Begegnung mit der Konkurrenz kam, weiter in

die

Nebelwelt zu einer

kurzen Wiedervereinigung mit ihren dortigen Freunden, dann zum

Orchester und in den Wald.

»Bevor wir weitergehen«, sagte Veg, »was deine Erinnerungen angeht.«

»Ja«, sagte sie. Sie hatte gewußt, daß es kommen würde und war vorbereitet. »Es gibt da etwas, das du wissen solltest. Ich bin wieder stark, aber ich habe mich verändert, wie Taler, wie alle von uns, die bei dem Treffen waren. Ich verfüge über die volle emotionale Kontrolle, aber es ist so, als ob meine Programmierung modifiziert worden wäre - und jetzt nicht wieder rückgängig gemacht werden kann. Nicht ohne Löschung und Neukonditionierung, was angesichts der Gegebenheiten unwahrscheinlich sein dürfte.«

Er beobachtete sie, wobei eine wilde Hoffnung Gestalt annahm. »Dann.«

»Ich liebe dich noch immer«, sagte sie.

»Aber ich dachte.«

»Ich habe gesagt, daß ich die Kontrolle wiedergewonnen hätte. Ich wußte, daß es im Falle meines Todes oder unserer Trennung besser sein würde, wenn du die Wahrheit nicht kennst. Und es bestand noch immer ein beträchtliches Risiko, daß es dazu kommen konnte. Darum habe ich meine Kontrolle angewandt, um den, den ich liebe, zu schützen.« Sie schlug die Augen nieder. »Ich habe getan, was ich für notwendig hielt. Ich habe es nicht gerne getan. Jetzt aber weiß ich, daß wir zusammenbleiben werden. Ich werde meine Gefühle nicht mehr vor dir verbergen. Aber ich muß dir sagen, daß meine Liebe jetzt genauso tief sitzt wie meine frühere Konditionierung. Ich werde mich nicht beiläufig abschieben lassen.«

»Worauf du dich verlassen kannst!« stimmte er zu. Er blickte auf sein Hexaflexagon. »Die nächste Welt ist Blizzard, dann wieder die Stadt. Wir brauchen nichts zu überstürzen.«

»Wir werden niemals etwas überstürzen müssen«, gab sie ihm recht.